Gastbeitrag von Björn Braune
Vor kurzem habe ich auf Medienradio.org die Sendung MR032 über Flattr gehört, nach der bei mir eine Gedankenkette zu Online-Zahlungen, Micropayments und dem Facebook-Like-Button angestossen wurde. Um diese Gedanken zu teilen und nachvollziehbar zu machen, muss ich allerdings zuerst ein paar Dinge erklären.

Bei Interesse am Thema empfehle ich auch den Podcast MR032 von Medienradio.org, der zwar mit ca. zwei Stunden etwas länger, aber trotzdem sehr empfehlenswert ist. (Klick auf das Logo startet den Download als MP3)
Was ist Flattr
Ich will versuchen, erst einmal das Prinzip von Flattr so einfach wie möglich zu erklären, weiterführende Informationen findet man auch auf der Website von Flattr.

(Flattr-Logo)
Flattr ist ein Dienst, der es mir ermöglicht anderen Websites für Ihre Inhalte mit nur einem Klick auf einen Button Geld zukommen zu lassen. So wie ich bei Facebook mit dem Likebutton meine Wertschätzung anderen gegenüber ausdücken kann, erlaubt mir der Flatttr-Button einer entsprechenden Website meine Wertschätzung in Form von einem kleinen Geldbetrag zukommen zu lassen.

(Flattr-Button)
Voraussetzung ist, dass der Betreiber der Website und ich selber Mitglied bei Flattr sind.
Meine Mitgliedschaft besteht darin, dass ich vorher einen festgelegten Geldbetrag bei Flattr hinterlege, also ein Konto eröffne, dass nicht überzogen werden kann.
Die Mitgliedschaft des Websitebetreibers besteht darin, dass ebenfalls ein Konto eröffnet wird, bei dem die eingehenden Klicks über den Button (der selbstverständlich gut sichtbar auf der Seite implementiert werden muss) gezählt werden.
Im Verlauf eines Monats werden alle Klicks gezählt, die ich auf den entsprechenden Websites tätige. Am Monatsende wird der von mir vorher eingezahlte Betrag durch alle Klicks geteilt und nach Abzug einer Provision für Flattr an die entsprechenden Websitebetreiber zu gleichen Teilen weitergereicht.
Beispiel
Habe ich 5 Euro bei Flattr eingezahlt und bei fünf unterschiedlichen Websites auf den Flattr-Button geklickt, ist jeder Klick, nach Abzug der Provision, ungefähr 90 Cent wert (Die Höhe der Provision beträgt meiner Meinung nach 10%, genaueres ist aber sicher bei Flattr zu erfahren.). Habe ich auf mehr als fünf Seiten den Flattr-Button geklickt, werden meine 5 Euro dementsprechend geteilt und der Betrag für jede angeklickte Website wird geringer.
Die Vorteile
Ich kann Websitenbetreibern und Bloggern generell oder für einzelne Beiträge meine finanzielle Unterstützung zukommen lassen.
Ich muss mir keine Sorgen machen, dass der vorher von mir eingezahlte und festgelegte Betrag überschritten wird.
Ich behalte die volle Kontrolle, denn es handelt sich nicht um ein Abo-Modell oder andere vertragliche Verpflichtungen regelmäßig zu bezahlen.
Die Teilnahme an Flattr ist vollkommen freiwillig, die Beiträge und Inhalte auf den entsprechenden Websites bleiben trotzdem frei zugänglich.
Was bedeutet das
Flattr bietet also die Möglichkeit Blogger und Websitenbetreiber sehr einfach für ihr Engagement finanziell zu unterstützen. Das Erfreuliche daran ist, dass es von Nutzern wie Websitebetreibern gut angenommen wird und damit, bisher zwar nur relativ kleine, aber doch nicht zu verachtende Einkünfte erzielt werden.
Das beweist
Nutzer sind durchaus bereit für Inhalte Geld zu bezahlen. Je einfacher und transparenter der Bezahlmechanismus dabei gehalten ist, desto besser. Das es sich dabei um freiwillige Spenden handelt, ist sicherlich auch nicht zu unterschätzen. Die Kampf-Argumente von Verlagen und Musiklabels der “Gratiskultur“, “Inhaltediebstahl“ und andere, verlieren an Bedeutung, vielmehr muss man sich damit beschäftigen, für welche Inhalte und unter welchen Bedingungen Menschen bereit sind zu bezahlen.
Generell nicht neu, aber die Folgen
Nun ist das Thema im Podcast bei Medienradio ausführlich besprochen worden und war auch schon vorher nicht mehr neu, aber die Folgen, die sich daraus vielleicht ergeben, könnten revolutionär sein. Denn wenn dieser Mechanismus sich durchsetzt, wird Facebook, das schon seit längerem seine Credits stärker als Zahlungsmittel etablieren will, das Prinzip wahrscheinlich übernehmen. In dieser Woche erschienen zum Thema Facebook Credits, PayPal und Micropayments einige Artikel, die zeigen, das hier Bewegung in den Markt kommt.
Exiting Commerce – Mashable I – Mashable II – Netzwertig
Die Zukunft
Da die vorangegangenen Ausführungen für ein Grundverständnis des Themas notwendig waren, beginnt eigentlich erst an dieser Stelle meine Gedankenkette zu Social Media Micropayments.

Wenn man sich vorstellt, dass nach dem Prinzip von Flatter über den Facebook-Like-Button Micropayments möglich wären, ergeben sich daraus vollkommen neue Erlösmöglichkeiten. Nicht nur für Blogger, sondern für alle Anbieter von Inhalten im Netz. Ein gewisses Maß an Freiwilligkeit wird unabdingbar bleiben und auch Sicherheitstechnisch sind viele Fragen zu lösen, doch Grundsätzlich ließen sich auf diesem Wege Klicks direkt monetarisieren. Natürlich nur, wenn Nutzer den Wert eines Inhaltes auch als solchen anerkennen und die Transaktionsmöglichkeit denkbar einfach und transparent ist.

Die Tatsache, dass ich als Facebookmitglied durch Facebook Connect und andere Widgets auch direkt sehen kann, welcher Inhalt von meinen Freunden gemocht (“geliked“) wird, unterstützt den Mechanismus noch zusätzlich. Auch kann man davon ausgehen, dass, wenn Facebook eine Funktion dieser Art anbieten würde, bei einer Mitgliederzahl von über 500 Millionen der Einfluss auf das gesamte Web enorm wäre. Es könnte eine neue Währung, eine Webwährung daraus hervorgehen, die sich zu einem weltweiten Standard entwickelt.
Die mobile Zukunft
Im Zuge der rasanten Entwicklungen des mobilen Internets, wäre nun das folgende Szenario durchaus vorstellbar:
Ich höre gerne Musik, und zwar ganz unterschiedliche Interpreten. Da ich gerne einen ununterbrochenen Stream an Musik möchte, ohne Nachrichten oder andere Unterbrechungen, werde ich Mitglied bei einem Musikdienst (Last.fm oder Soundcloud), der mir diese Musik liefert. Bisher kostet mich das Ganze nichts, ich wäre aber durchaus bereit für Songs die mir gefallen nach dem Flattr- oder Like-Prinzip für einzelne Songs über einen Button den Betreibern und Musikern Geld zukommen zu lassen. Dabei brauche ich Musik nicht mehr auf meinem Rechner oder meinem mobilen Endgerät zu speichern, da ich – was auch immer ich wünsche – durch das mobile Netz immer Zugriff habe.
(Ein aktueller Beitrag zu Streaming findet sich auf Basic Thinking Blog)
Ähnliches gilt für alle anderen Daten, die sich “in der Cloud“, also im Netz befinden und nicht mehr auf meinem Rechner oder Endgerät gespeichert sein müssen. Als besonders gutes Beispiel bietet sich Youtube an, das mit ca. 2 Milliarden Aufrufen täglich den entsprechenden Traffic und mit Inhalten durch Like-Klicks Geld generieren könnte. Denkbar ist das aber auch für alle anderen Inhalte, nicht zuletzt Zeitungen, Radiosender, Buchverlage oder andere Dienste, die ich als User, pro einzelner Transaktion und dem wirklichen Wert und Nutzen für mich, entlohnen könnte.
Transaktionsbasierte Zahlungen statt pauschal
Worum es mir hier eigentlich geht, ist das Modell von transaktionsbasierten Zahlungen. Verglichen mit der GEZ beispielsweise, bei der ich eine Pauschale bezahle und keinen Einfluss darauf habe, wo genau mein Geld landet, ist es mir auf die oben beschriebene Art möglich, mein Geld dorthin zu schicken, wo ich es als gut aufgehoben ansehe. Und nicht pauschal für ein Magazin, Radiosender oder eine Zeitung, sondern für DEN einen bestimmten Artikel, DAS eine Musikstück, DIESEN Radiobericht.

Mobile Micro Payments
Um das Ganze noch auf die Spitze zu treiben, bietet sich hier ein Beispiel an:
Coca-Cola hat in diesem Jahr gemeinsam mit Facebook ein Projekt umgesetzt, dass sich Coca-Cola-Village nannte (Meines Wissens nach in Israel, bin mir aber nicht sicher). Hier konnten Jugendliche einen dreitägigen Sommer-Kurzurlaub verbringen, süße Brause schlürfen und an allen möglichen Aktivitäten teilnehmen. Das Besondere: Am Eingang der entsprechenden Aktivitäten stand ein Facebook-Like-Button, allerdings aus Pappe. Hinter diesem verbarg sich ein Lesegerät, dass einen RFID- Chip, den die Teilnehmer am Handgelenk trugen, auslesen konnte und direkt auf dem Profil der Teilnehmer die Like-Meldung gepostet hat (Hier das Video zu der Aktion).
Wenn man sich klar macht, dass wir mittlerweile nahezu alle über ein Mobiltelefon verfügen, dass Smartphones und mobiles Internet beständig wachsen und das die Bedeutung von Micropayments zunehmen wird, ist man ganz schnell bei dem Szenario, dass wir in Zukunft, vielleicht über Facebook-Like, Online und Offline Zahlungen auf einfachste Weise abwickeln könnten, dass transaktionsbasierte Zahlungen Alltag werden und das mobile Endgeräte unsere bisherigen Zahlungsmittel ersetzen.
Natürlich gibt es da eine Menge offener Fragen, nicht zuletzt, ob so etwas überhaupt von Usern angenommen werden würde oder auch wie alle Sicherheits- und Datenschutzrechtlichen Fragen gelöst werden. Tatsache ist aber, dass wir uns technisch gesehen auf einem Weg befinden, der Zahlungen dieser Art im Grunde schon jetzt ermöglicht.
UPDATE: Hier noch zwei Artikel, die zum Thema passen, Nummer 1 zu einem Startup, dass Bezahlen mit Smartphones möglich machen will, der andere Artikel ist ein kurzer Bericht von Techcrunch zu Flattr. Und noch ein Artikel zu Micropayments, diesmal in Bezug auf Paypal vom Netzökonom bei FAZ-Net.
Fazit
Es wird immer kostenlose Inhalte im Netz geben, doch die Bereitschaft von Menschen die Urheber dafür zu bezahlen, wird wachsen.
Wenn die Möglichkeit meine Wertschätzung auszudrücken – auch in Form von Geld – so simpel ist wie Flattr oder Facebook-Like, wird sich dieser Bereich enorm entwickeln. Man denke nur an die Gelder, die bereits jetzt mit Spenden umgesetzt werden – und diese sind auch immer einem bestimmten Zweck zugeordnet, wie auch die Buttons im Netz.
Wie genau und ob sich dieser “Tauschhandel“ über Like-Buttons langfristig etablieren wird, bleibt vorerst offen, doch sind spannende Fragen und Entwicklungen angestossen.
In der nahen Zukunft müssen sich vor allem große Medienunternehmen darüber Gedanken machen, wie sie Usern die Möglichkeit bieten können, freiwillig Inhalte zu bezahlen, anstatt Menschen in Prozessen unangemessen für Inhaltediebstahl zu bestrafen. Schließlich hat es diese Industrie selber versäumt, entsprechende Mechanismen anzubieten. Wenn die Gelder irgendwann direkt an jene fliessen, die Urheber der einzelnen Produkte sind, wird dieser Industrie langfristig sowieso die Grundlage entzogen, deswegen ist ein Umdenken dringend notwendig.
Wie es weitergeht bleibt nach wie vor spannend und sicher weist meine Gedankenkette einige Lücken und Schwachstellen auf, aber für Ergänzungen oder Gegenmeinungen bietet sich ja die Kommentarfunktion an. In diesem Sinne ein frohes Wochenende!
BB